Vision Pro im Praxistest: Von Eye Tracking und gigantischen Bildschirmen
Tagebuch Teil 2
von Robert
Tag 8: Wo liegen die Grenzen der Vision Pro?
Inzwischen lerne ich die Grenzen der Vision Pro kennen: Lange Linklisten sind Eye Tracking so eine Sache, oder ich blinzele nicht exakt genug – jedenfalls lande ich nicht immer auf der gewünschten Zielseite. Unser MacPomm-Bugtracker, die freie Lösung Mantis, erlaubt jedenfalls nur mit Maus vernünftiges Arbeiten. Das bedeutet natürlich einigen Aufwand für Entwickler, ihre Software an die neue Plattform anzupassen.
Auch MacPomm selbst wird gefordert sein, dem neuen System bei der seit langen geplanten Umgestaltung der Webseite Rechnung zu tragen. In Abwandlung eines berühmten Mottos aus früheren Tagen („Let iCab smile“) vielleicht „Show for Vision“?
Noch ein Manko: Schnelle Lichtwechsel überfordern gelegentlich die Optik. Aber alles in allem repräsentieren die Apple Vision und visionOS einen gelungenen Start in die Welt der räumlichen Computer. Und die hat eine große Zukunft: Wir Menschen agieren und denken in drei Dimensionen – ein normaler Bildschirm ist da letztlich bloß ein Behelf.
Genug philosophiert: Vielleicht ist morgen endlich Sonne, um mal intensiver die Foto- und Videofähigkeiten zu testen. Die Schutzhülle – analog zu den Antikratzer-Lösungen für iPhone und iPad – ist eingetroffen und mit zwei Handgriffen montiert.
Tag 9 bis 11: Entdeckungen auf einem Fotoausflug
Andere Aufgaben wie Gartenarbeit und das bestenfalls durchwachsene Wetter halten mich ab, meine Erkundungstour fortzusetzen. Dafür führe ich mir ein paar Geschichten zu Gemüte, in denen es darum geht, was für ein Flop die Apple Vision Pro doch ist. Vergleiche mit dem Newton, Apples gescheitertem Handheld in den 1990ern, werden gezogen. Ja, an der Parallele ist was dran: Der Newton ging unter, aber als er gerade auf dem Weg zum Erfolg war. Apple konnte damals – Mitte der 1990er Jahre kurz vor der Pleite – nicht länger durchhalten. Aber diesmal sollte die Firma einen längeren Atem haben…
Der Montag lockt mit Sonnenschein – also los. Als Eisenbahnfan begebe ich mich natürlich an die Strecke in der Hoffnung, dass ein Zug kommt. Die wird enttäuscht, weil gerade die Bauarbeiter das Regime übernommen haben.
Aber so kann ich in Ruhe das Einschalten der Foto- beziehungsweise Videoaufnahme und das Umschalten zwischen beiden testen. Ich habe mich ein ganzes Stück von meinem Ausgangspunkt wegbegeben, als nicht ein weißes Rechteck irritiert, das hinter dem Gebüsch blitzt. Optischer Fehler? Nein! Es ist das Browserfenster, dass ich geöffnet hatte, um mir die Hilfe zu Foto und Video durchzulesen. Natürlich ist es jetzt – mehr als 50 Meter von meinem Standort entfernt – ganz klein. Tja, räumliches Computing will eben gelernt sein.
Tag 12 und 13: Im Büro angekommen
Der wirklich produktive Einsatz der Vision Pro erweist sich als voller Erfolg. Ich entdecke eine bislang ungenutzte Funktion: Sobald ich mein MacBook aufklappe, kann sich der Computer auf der Nase mit ihm verbinden. Das 16-Zoll-Display wird in der Vision Pro zu einem weiteren, frei im Raum positionierbaren Fenster im Format eines gewaltigen Curved-Bildschirms.
In diesem Fenster arbeite ich mit den Programmen, die Maus und Tastatur erfordern. Ringsherum positioniere ich Fenster mit anderen Anwendungen: Safari mit unserer Webseite, das Kommunikationstool Slack und andere. So muss ich mich nur schnell umdrehen, um die aktuellen Nachrichten von Kollegen zu checken oder den aktuellen Stand der Homepage von ostsee-zeitung.de zu sehen. Voll praktisch und vor allem schneller als der Wechsel zwischen Fenstern auf einem Bildschirm.
Natürlich gibt es Erklärungsbedarf. „Siehst Du mich überhaupt noch?“ Na klar! Aber kurz darauf beame ich mich doch zum Mond und wechsle durch Drehen an der Digital Crown auf volle Immersion, um mich ganz auf einen schwierigen Text konzentrieren zu können, den ich redigieren muss. Ich hätte auch einfach Siri bitten können, mich zum Mond zu bringen.
Aber ich will die Geduld der Kollegen nicht über Gebühr strapazieren, die das „Klicken“ mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand oder andere Gesten doch anfangs irritieren. „Werden wir bald alle mit so etwas herumlaufen?“ Möglich – zumindest wäre dann viel Platz auf den Schreibtischen oder vielleicht arbeiten wir künftig mehr im Stehen, ganz ohne Tisch? Das räumliche Computing eröffnet neue Optionen, die wir mit offenen Augen erkunden sollten.
Mein Respekt vor der Leistung der Apple-Ingenieure wächst: Nein, die Vision Pro ist ganz bestimmt kein Newton Message Pad, das die versprochene Texterkennung in der Praxis eben nicht ordentlich beherrschte. Klar bleiben bei visionOS noch Wünsche offen, aber schon in Version 2.3 präsentiert es sich als ziemlich ausgereift.
Tag 14: „Star Trek“ und praktische Tricks
Die erste nahezu volle Schicht mit (in?) der Apple Vision Pro? Nach gut zwei Stunden meldet sie „nur noch 20 Prozent Akku“. Also Ladepause? Denkste! Ein Netzteil, ein USB-C-Kabel. Na bitte! Jetzt kann ich zwar vorübergehend nicht mehr frei durch den Raum laufen, aber in Ruhe weiterarbeiten.
Das von MacBook gespiegelte Display lässt sich noch zu einem ultra-breiten Bildschirm erweitern. Also Platz im Überfluss, das Hin-und-Herschalten zwischen unterschiedlichen Anwendungen ist nicht mehr nötig. Verlangt eines der im Raum verteilten Fenster nach Aufmerksamkeit, weil etwa eine neue Nachricht eingeht, signalisiert visionOS das mit einem dezent eingeblendeten Symbol der jeweiligen App.
Natürlich ist der Anblick für das Umfeld erst einmal ungewohnt. Geordi La Forge aus „Star Trek: The Next Generation“ ist eine Assoziation.
„Gehst Du mit der Brille auch einkaufen?“ Nein, warum sollte ich? Ich nehme ja auch kein MacBook mit zu Aldi, sondern hake meine Einkaufsliste auf dem iPhone ab, wenn es nicht sogar ein simpler Zettel tut. Die Vision Pro ist eben keine 3D-Brille, sondern ein räumlicher Computer.
Den Unterschied erkennt man beim Benutzen schnell. In der kommenden Woche ist fest verabredet: Eine ganze Reihe Gastbenutzer wollen Apples neueste Geräteklasse ausprobieren.
Was seither geschehen ist
Die Neugier bleibt groß: „Wie ist das mit der Brille?“ Probier’ es aus! Mittlerweile bin ich Profi im Einrichten eines Gastbenutzers, dem Herausziehen meiner Optical Inserts und der Hilfe bei den ersten Schritten in visionOS. Na ja, ganz so professionell wie bei Rahman, der mir im Apple Store Hamburg die Vision Pro nahegebracht hat, bin ich sicher noch nicht, aber es wird.
Jeden Tag nutzen zwei oder drei Kollegen die Möglichkeit, einmal die Apple Vision Pro selber auf dem Kopf und damit das Konzept des räumlichen Computers vor sich zu haben. Die allermeisten sind begeistert – nur einige können dem Konzept nichts abgewinnen.
Ich selbst habe die Investition nicht bereut, sondern nutze inzwischen die Vision regelmäßig als Arbeitsgerät. Manches ist ungewohnt: „Guck mal mit auf die Überschrift“ funktioniert bei mir natürlich nur, wenn ich die Verbindung zwischen MacBook und Vision Pro löse – sonst sehen die Kollegen nur einen schwarzen Bildschirm.
Ganz klar: Ich habe die Möglichkeiten bislang nur ansatzweise erkundet. „Hast Du keine Spiele?“ Eher nicht mein Fall.
Das Update auf visionOS 2.4 hat problemlos geklappt. Die Spatial Galerie ist ein echter Gewinn – gerade um „Neulingen“ die Optionen vor Augen zu führen.
MacPomm-Test geht weiter: Videosafari mit der Vision Pro geplant
Ich freue mich auf die nächste MacPomm-Videosafari. Wir wollen unser Projekt diesmal unter das Thema „räumliches Video“ stellen. Das Ziel, das wir diesmal ansteuern wollen, ist noch nicht endgültig festgelegt.
Wenn ihr mehr zur Apple Vision Pro wissen wollt: Beim nächsten AppleTalk@MacPomm, dem virtuellen Stammtisch unserer Apple-Anwendergruppe am Montag, 7. April, ab 19 Uhr geht es genau um dieses Thema. Schaltet euch dazu unter www.macpomm.org/appletalk